Antonius und Kleopatra (1895)
Kleopatra (69 v.Chr. - 30 v.Chr.) war die letzte Herrscherin des Ptolemäerreiches in Ägypten. Als Geliebte Cäsars
und Marcus Antonius war sie in die Geschichte eingegangen. Ihr Reichtum, ihre Macht und vor allem natürlich ihre
Verführungskünste, mit deren Hilfe sie die mächtigsten Männer ihrer Zeit an sich gebunden hatte ließen sie schnell
zur Legende werden. Kein Wunder also, dass Kleopatra seit der Renaissance ein äußerst beliebtes Motiv der Malerei
war. Viele Künstler zeigten sie als prachtvolle orientalische Herrscherin oder als Verführerin; besonders beliebt
war auch ihr Selbstmord, mit dem sich wunderbar die wechselhaften Launen des Schicksals, die Vergeblichkeit
menschlichen Strebens oder das tragische Ende einer Liebe symbolisieren ließen.
Alma-Tadema wählt nun als Motiv die erste Begegnung zwischen Kleopatra Marcus Antonius. Nach Cäsars Tod musste Kleopatra
um ihren Einfluss fürchten. Als sie Marcus Antonius einer der neuen mächtigen Männer des Imperiums zu einer Besprechung
nach Kilikien vorladen ließ, nutzte sie diese Chance, um ihn für sich zu gewinnen. Sie wusste, dass Marcus Antonius für
den Personenkult und den Prunk der östlichen Provinzen äußerst empfänglich war. Deshalb erschien sie zu dem Treffen mit
einer vergoldeten Prachtgaleere mit Purpursegeln, an Bord zahlreiche spärlich bekleidete Mädchen und Knaben, sich selbst
präsentierte sie als Inkarnation der Liebesgöttin Aphrodite.
Bei der Darstellung dieses Prunks und der erotischen Atmosphäre, von denen antike Autoren berichten, bleibt Alma-Tadema
sogar recht zurückhaltend. Er zeigt die Ankunft des staunenden, faszinierten Marcus Antonius. Seine Macht verdeutlichen
die Kriegsgaleeren im Hintergrund. Er ist äußerst einfach gekleidet und wird von gerüsteten Legionären gerudert, die
bewusst mit den exotischen, weiblichen Begleiterinnen Kleopatras kontrastiert werden. Kleopatra selbst sitzt ruhig wartend
auf ihrer Barke, volle Vertrauen auf die Macht ihrer erotischen Ausstrahlung.
Die erzählte Geschichte des Bildes ist also mehr eine Metapher: Der harte, männliche und soldatische Okzident trifft auf
den weiblichen, erotischen Orient und erliegt seinen Verführungskünsten. Die Betrachter des Bildes wussten natürlich, dass
diese Geschichte kein gutes Ende nahm.
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