Die Inszenierung des historischen Spektakels
Die Historiengemälde des 19. Jahrhunderts gaben vor "reale" Ereignisse
wiederzugeben. Dabei verwandten die Maler viel Mühe auf eine möglichst
exakte Darstellung von Uniformen, Waffen und anderer Requisiten. Dennoch
wird sehr schnell deutlich, dass die meisten Gemälde ausgesprochen
arrangiert sind. So werden die Figuren hauptsächlich unter ästhetischen
Gesichtspunkten gruppiert und mit ausgesprochen theatralischen Gesten wenden
sie sich oft direkt an den Betrachter. Vor allem ist es jedoch der gezielte
Einsatz des Lichts, der den Bilder ihre spektakulären Effekte verleiht.
Durch das Arrangement der Figuren und die Lichteffekte werden die vorgeblich
realistischen Bilder letzten Endes zu Dekorationen fürs Theater.
Eugène Ferdinand Victor Delacroix:
Die Freiheit führt das Volk (1830)

Bereits auf Delacroix’ berühmten Gemälde "Die Freiheit führt
das Volk" sind geradezu beispielhaft einige der wichtigsten Elemente zusammengefasst:
Anordnung der Figuren als "dramatische Pyramide", die Allegorisierung und
die mythisch-religiöse Ausleuchtung der Freiheit.
Ary Scheffer: Widukind unterwirft sich Karl dem Großen (1840)

Auf diesem Bild kommt das "göttliche Licht" wie ein Scheinwerfer
direkt von oben und konzentriert die Aufmerksamkeit auf die Männer
der Kirche in der Bildmitte, auf die dann auch der Kaiser gütig verweist.
Eine junge Frau der sich unterwerfenden Sachsen ist anscheinend schon ausreichend
erleuchtet, so dass sie ihre Arme zur Quelle des Lichts emporhebt und um
Gnade bittet– bezeichnenderweise nicht beim Kaiser.
Alfred Rethel: Karl der Große bei Cordoba 778 (1849)

Auf Rethels Wandgemälde wird Karl der Große an der Spitze
der dramatischen Pyramide in Pose gesetzt, wie er sich siegreich der feindlichen
Fahne bemächtigt. Ihm folgt ein Bischof, der mit erhobenem Kreuz demonstriert,
worum es in dieser Schlacht geht. Es ist übrigens interessant, dass
Rethel zur Darstellung Karls ein Bild von Dürer verwendet. Man
könnte vielleicht noch anmerken, dass weder Kaiser noch Bischöfe
in vollem Ornat in die Schlacht gezogen sind. Aber das ist sicher überflüssig,
da Karl ohnehin nie in die Nähe von Cordoba gekommen ist. Es geht
hier einfach um "höhere" Wahrheiten.
Horace Emile Jean Vernet: Napoleon bei Friedland

Vernet benutzt hier den sehr beliebten Trick mit der untergehenden Sonne,
um Napoleon mit einer göttlichen Aureole als Sieger zu zeigen.
Adolf Northen: Napoleon Rüchzug von Moskau (1851)

Der Deutsche Northen zeigt Napoleon dann bei dem Rückzug von Moskau.
Das Licht kommt von rechts oben und illuminiert als zentrale Gestalt den
verschneiten Leichnam eines Soldaten. Napoleon führt seine Männer
genau auf dieses Ziel hin. Er ist der Tod, der Reiter auf dem fahlen Pferd
aus der Apokalypse.
Emanuel Gottlieb Leutze: Washinton überquert den Delaware

Auch Washington wird hier mit seinen Männern und fast schon obligatorischer
Fahne in Pyramidenform aufgebaut und dramatisch ausgeleuchtet. Es fällt
wohl schwer zu glauben, dass sich jemand bei einer so schwierigen Flussüberquerung
derart in Pose setzt.
Karl vonPiloty: Seni vor der Leiche Wallensteins und
Ilya Repin: Ivan der Schreckliche und sein Sohn

Auf den Bildern von Piloty und Repin, die beide zu den wichtigsten Historienmalern
in ihren Heimatländern zählten, wird der durch das Licht erreichte
Bühneneffekt besonders deutlich. Für solche Szenen braucht man
schon gute Beleuchter; mit natürlichem Licht sind sie kaum zu erzielen.
Jean-Léon Gérôme:
Kleopatra und Cäsar (1866) und
Rhryne vor dem Areopag (1861)


Gérôme ist sozusagen ein Großmeister der Inszenierung.
Er konzentriert seine Darstellung auf den Moment, in dem die Hülle
fällt. Und dann "Spot on", man hört förmlich das "ta, ta,
ta, taaa!!" Bezeichnend ist übrigens auch, dass der nackte Körper
zum Betrachter des Bildes hin ausgerichtet ist. Die Voyeure sind nicht
die, die abgedunkelt im Hintergrund angedeutet werden, sondern die, die
vor der Leinwand stehen.
Karl Pavlovich Briullov:
Die Belagerung von Pskov durch Stefan Bathory (1843)

Briullov zeigt wie die Einwohner von Pskov die polnischen Belagerer
mit einem Ausfall vertreiben. Das Licht kommt hier noch nicht einmal von
oben, sondern scheint direkt von den Priestern und ihren Reliquien auszugehen,
von denen die Verteidiger ja auch ihre Kraft und ihren Mut erhalten.
January Suchodolski:
Die Belagerung von Czestochowa (1843)

Dass Gott aber auch auf polnischer Seite kämpfte, zeigt das Bild
von Suchodolski. Hier werden die Schweden durch den Einsatz der Schwarzen
Madonna beim Angriff auf Czestochowa zurückgeschlagen. Das vom Priester
und Reliquie herbeigerufene göttliche Licht ist hier so stark, dass
es die Schweden regelrecht blendet.
Louis-François Lejeune:
Die Belagerung von Zaragoza (1848)

Eines der interessantesten Beispiele ist das Bild von Lejeune. Es zeigt
den Kampf um das Kloster Santa Engracia bei der Belagerung von Zaragoza
im Februar 1809. Lejeune hat an diesen Kämpfen selbst teilgenommen
und zeigt sich verwundet in der Bildmitte. Das Kloster und die Kämpfenden
sind dann auch mit großer Detailgenauigkeit dargestellt. Dennoch
kann man nicht übersehen, dass die Figuren gezielt positioniert sind.
Von entscheidender Bedeutung ist auch hier wieder das Licht, das effektvoll
aus einem verdunkelten Himmel auf die zentrale Statue einer Pieta fällt.
Vor dem Angesicht der trauernden Mutter Gottes morden sich die Menschensöhne.
Wahrscheinlich ist diese Statue jedoch eine reine Erfindung des
Künstlers. Man kann leider nicht mehr feststellen, da das Kloster
bei den Kämpfen weitgehend zerstört wurde. Die Statuen auf dem
Dach wurden aber auf jeden Fall von Lejeune durch Aasgeier ersetzt.
Dadurch wird bereits an diesem frühen Beisiel deutlich, wo die Historienmalerei
an ihre Grenzen stieß. Der detailverliebte Realismus reichte dem Küstler
offenbar nicht, um das von ihm selbst erlebte Grauen auszudrücken. Er musste
zur dramatischen Inszeierung zusätzlich noch Symbole bemühen.
Man könnte diese Galerie fast beliebig fortsetzen. Es geht uns
jedoch hier nicht darum, jedes einzelne Bild zu interpretieren, sondern wir möchten
lediglich den Betrachter auf einige Elemente aufmerksam machen, die er dann selbst
immer wieder aufs neue entdecken wird.
Diese Inszenierung des Spektakels, ganz besonders die spektakulären Lichteffekte
hatten große Auswirkungen auf die Entwicklung des
Films. Sie wurden dort aufgegriffen und
weiterentwickelt, als es mit der Historienmalerei längst vorbei war.
Licht und die Anordung der Figuren, um Spannung und Dynamik zu erzeugen, beeinflussten
aber auch die Fotografie, die ja auch weniger zeigt "wie es war", sondern wie "es gewesen
sein sollte".
Iwo Jima

Jedem bekannt ist das berühmte Foto von der Flaggenhissung auf
Iwo Jima. Weniger bekannt ist dagegen, dass es sich beim dem linken Bild
um das "langweiligere" Original handelt, das dann erst im Stil eines Historiengemäldes
aufgepeppt wurde.
Demonstration im Libanon

Großer Beliebtheit erfreuen sich gerade in neuester Zeit Fotos von
Demonstrationen, bei denen eine hübsche, Fahnen schwingende, junge
Frau ins Zentrum gesetzt wird. Wenn zudem noch das Licht günstig auf
ihr Haar fällt, reicht es vielleicht schon auf eine Titelseite. Dass
es sich dabei um ein Zitat von Delacroix handelt, ist kaum jemandem bewusst.
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