Kolumbus
Kolumbus und die Entdeckung Amerikas ist eines der ganz wenigen Themen,
bei dem die Historienmalerei sozusagen ihre nationalen Scheuklappen etwas
ablegt. Natürlich haben sich hauptsächlich Spanier und dann US-Amerikaner
damit beschäftigt. Es gibt aber auch eine Reihe von Darstellungen
von Künstlern aus anderen Nationen.
Aus der großen Masse – wahrscheinlich gibt es weit über
1.000 Gemälde, Fresken, Stiche und Illustrationen – möchten wir
uns hier auf die bekanntesten konzentrieren, und daran demonstrieren wie
das Thema hauptsächlich bearbeitet wurde und was für die Maler
dabei im Vordergrund stand.
Sir David Wilkie: Kolumbus im Kloster de la Rábida (1834)

Der Brite Sir David Wilkie zeigt Kolumbus im Kloster "de la Rábida",
wo er den Mönchen und ihren Geographen seine Theorie erklärt.
Eduardo Cano de la Peña:
Kolumbus im Kloster de la Rábida (1865)

Das handwerklich wesentlich besser ausgeführte Bild des Spaniers
Eduardo Cano de la Peña zeigt die selbe Szene. Wieder ist Kolumbus’
Sohn anwesend, während dieser demonstrativ auf seine Karten und in
die Ferne zeigt. Diese Gesten ergeben aus der Situation heraus absolut
keinen Sinn und können deshalb nur symbolisch verstanden werden.
Peter Frederick Rothermel: Kolumbus vor der Königin (1858) und
Eugène Devéria (1861)
Der Amerikaner Peter Frederick Rothermel und der Franzose Eugène
Devéria zeigen beide Kolumbus vor Königin Isabella. Beide Bilder
sind sehr ähnlich, obwohl sie sich auf historisch verschiedene Treffen
beziehen - bei Rothermel wirbt Kolumbus noch für sein Projekt, und
bei Devéria ist er schon mit seinen Trophäen aus Amerika heimgekehrt.
Sie gleichen sich vor allem in der Darstellung der Königin und dem
Einsatz des Lichtes. Isabella, die Schirmherrin des Entdeckers, erscheint
als Heilige, als Schutzpatronin und wird auch entsprechend illuminiert.
Václav Brožík: Kolumbus vor den katholischen Königen

Der Tscheche Václav Brožík zeigt Kolumbus ebenfalls vor
der Königin, doch in einer völlig anderen Anordnung. Kolumbus
deklamiert wie ein schlechter Schauspieler und zeigt wieder einmal nach
Indien oder Amerika. Auf dem Tisch stehen Isabellas Juwelen, mit denen
lediglich der Legende nach die Expedition bezahlt wurde.
William Henry Powell:
Kolumbus in Salamanca

Auf dem Bild des US-Amerikaners William Henry Powell verteidigt Kolumbus
seine Thesen vor dem Konzil in Salamnca. Dabei hält er selbstsicher
eine Landkarte, während sich der Kardinal engstirnig auf ein Buch
(höchstwahrscheinlich die Bibel) beruft. Selbstverständlich wird
das Licht auch hier wieder sehr effektvoll eingesetzt.
Nicolò Barabino:
Kolumbus in Salamanca
Der Italiener Nicolò Barabino zeigt dieselbe Diskussion, jedoch wesentlich weniger
spektakulär.
Emanuel Gottlieb Leutze:
Kolumbus auf der Santa Maria (1855)

Der Deutsch-Amerikaner Emanuel Gottlieb Leutze zeigt den Moment der
Abfahrt. Leutze hat eine ganze Reihe von Kolumbusbildern gemalt, davon
die meisten an der Akademie in Düsseldorf. Die dramatisch unnatürliche
Anordnung der Personen und die übertriebene Gestik lassen hier leicht
ein typisches Produkt europäischer Historienmalerei erkennen.
Ricardo Balaca y Canseco:
Kolumbus verabschiedet sich vom Prior

Der Spanier Ricardo Balaca y Canseco zeigt zwar ebenfalls rührende
Abschiedsszenen, einen deklamierenden Kolumbus und hat seine Personen effektvoll
positioniert. Dennoch geht er mit diesen Stilmitteln deutlich sparsamer
als Leutze um, wodurch das Bild um einiges natürlicher wirkt.
Carl Theodor von Piloty:
Christoph Kolumbus (1865)

Eines der ganz wenigen Bilder, die Kolumbus als Seemann, also sozusagen
in seinem eigentlichen Element zeigen, ist das des deutschen Historienmalers
Carl Theodor von Piloty. Doch man erkennt schnell, dass auch Piloty an
der Seefahrt kein besonderes Interesse hatte. Er zeigt einen Forscher,
ein Genie, es könnte sich dabei auch fast um einen Keppler oder Faust
handeln.
Leutze:
Kolumbus vor den katholischen Königen (1843)
und Ricardo Balaca y Canseco:
Kolumbus...
Die Bilder von Leutze und Balaca zeigen Kolumbus wieder am Hof. Wieder
einmal als Bittsteller vor der Reise und dann bei seiner triumphalen Rückkehr.
Dennoch sind es die üblichen Positionen und Acesoires. Die Karten
des angehenden Entdeckers und die Trophäen des Siegers. Die Szenerie
am Königshof gibt zudem beiden Malern reichlich Gelegenheit ihr Können
im Detailreichtum der Figuren vorzuführen.
Dióscoro Teófilo Puebla Tolín:
Die erste Landung... und
John Vanderlyn:
Kolumbus landet... (1842)
Die Konstruktion der Bilder wird nur selten so deutlich wie an den Darstellungen
der Landung in Amerika von dem Spanier Dióscoro Teófilo Puebla
Tolín: und dem Amerikaner John Vanderlyn (gemalt für die Rotunda
des Kapitols in Washington).
Die Gruppen sind ähnlich arrangiert, das obligatorische Kreuz
an zentraler Stelle, wehende Fahnen, theatralisches Licht und übertriebene
Gestik.
Die Bilder sind sicher sehr gut gearbeitet und ernteten seinerzeit viel
Lob und Anerkennung. Dennoch ist unübersehbar wie in den Ateliers
die Statisten vor einer Kulisse aufgestellt wurden.
Man erkennt auch eines der ganz großen Probleme der Historienmalerei.
Alle Künstler egal welcher Nationalität konzentrieren sich auf
das Genie Kolumbus, es könnte sich wie gesagt auch oft um andere große
europäische Geistesheroen handeln: Hus in Konstanz, Galileo, Luther
in Worms usw.
Die eigentliche Leistung, die Entdeckung der Neuen Welt wird nirgends
gezeigt. Alles ist Studiomalerei, und alles hätte man genauso gut
auf einer Theaterbühne darstellen können.
Albert Bierstadt:
Kolumbus landet in Amerika (1893)

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass diese neue – europäischen
Salonmalern fremde – Perspektive augerechnet von einem Amerikaner kommt.
Albert Bierstadt hatte zwar auch mit Leutze in Düsseldorf Kunst studiert,
dann aber ausgedehnte Reisen in Nordamerika unternommen, wo er dann durch
seine monumentalen Landschaftsgemälde berühmt wurde.
So gesehen steht bei ihm auch nicht die "Trachtengruppe" um Kolumbus
sondern die Landschaft, die Neue Welt im Vordergrund. Sie bildet ein Tor
vor, dem die Ankömmlinge winzig und hilflos wirken. Obwohl diese Bild
sicher genauso konstruiert ist, wie die anderen – hier ist es die Landschaft,
dort die Personen -, ist es unseres Erachtens nach das einzige, das sich
dem Thema wirklich adäquat annähert.
José Garnelo y Alda: Der Empfang von Kolumbus(1892) und
Jean Leon Gerome Ferris: Kolumbus in San Salvador
Bei den beiden letzten Beispielen – von dem Spanier José Garnelo
y Alda und dem Amerikner Jean Leon Gerome Ferris – handelt es sich ebenfalls
um relativ späte Produkte des Sujets (das Bild von Ferris dürfte
erst im 20. Jahrhundert entstanden sein).
Obwohl beide natürlich stark an die Bilder von Puebla Tolín:
und Vanderlyn erinnern, zeigen sie doch die Entwicklung der Historienmalerei.
Bei beiden sind die Gruppen aufgelockerter, man könnte auch sagen
etwas "natürlicher". Zudem gewinnen bei Waffen, Kleidung und Landschaft
exotische Details stark an Bedeutung, wodurch das Ganze realistischer
wirken sollte.
Trotzdem war das Genre nicht mehr zu retten. Man könnte sagen,
das Publikum hatte die Tricks zu dieser Zeit längst durchschaut und
da nützten auch die Verbesserungen an der Kulisse nichts mehr.
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