Nationalismus
Die – man könnte sagen "offizielle" - Hauptaufgabe der Historienmalerei
im 19. Jahrhundert war die Konstruktion einer nationalen Identität.
Vielleicht sollte man gerade deshalb darauf verweisen, dass vor allem die
bekannten Maler ausgesprochene Kosmopoliten waren. Zu der traditionell
obligatorischen Studienreise nach Italien kamen nun oft sehr ausgedehnte
Aufenthalte in Paris und auch zunehmend in München und anderen europäischen
Metropolen. Mit der Zeit erfreuten sich auch lange Reisen in den Orient
immer größerer Beliebtheit.
Trotzdem widmeten sich viele Maler der nationalen Aufgabe mit der ganzen
Inbrunst echter Patrioten und schufen einige Gemälde, die tatsächlich
zu einer Art Ikonen des Nationalbewusstseins wurden. Oft war es auch reine
Auftragsarbeit. Neben der Produktion der beliebten "Historienschinken"
wurden Schulen, Rathäuser und Festhallen mit großen Szenen aus
der glorreichen Vergangenheit ausgeschmückt. Dazu hatten die Verlage
einen enormen Bedarf an historischen Illustrationen für Schulbücher,
Lexika und Zeitschriften. Nicht wenige Künstler lebten auch ganz gut
davon, dass sie als Schlachten- oder Regimentsmaler Offizierskasinos dekorierten.
Jede Nation schmiedete an ihren eigenen Mythen, und die Historienmaler
waren dabei eines der besten Werkzeuge. Aus moderner Sicht wirken die allermeisten
der dabei entstandenen Werke furchtbar antiquiert. Außerdem ist es
überraschend wie sehr sich aus einer distanzierteren Perspektive Themen,
Stilmittel und Techniken gleichen. Dennoch ist es interessant, etwas genauer
zu betrachten, welche Themen für die verschiedenen Nationen im Vordergrund
standen und wie sie umgesetzt wurden.
Großbritannien
Auch wenn sich viele so fühlten, so war Großbritannien doch
der einzige wirkliche „Sieger“ der napoleonischen Kriege. Seine Schiffe
beherrschten die See und seine Industrie den Weltmarkt. Ganz im Gegensatz
zu vielen kontinentalen Nationen, die ja erst auf dem Weg waren sich selbst
zu erfinden, findet man unter den englischen Historienmalern nur wenig
Begeisterung für das Mittelalter oder gar frühere Epochen. Sie
scheinen voll und ganz damit beschäftigt, die großen Siege der
jüngsten Zeit auszuschmücken. Zudem gab es in den Weiten des
Empire ausreichend exotische Kriege mit heroischen Gefechten, so dass auch
hier keine Veranlassung bestand, in längst vergangene Zeiten auszuweichen.
Die Kehrseite war, dass kein anderes Land die negativen Folgen der industriellen
Revolution so früh und so radikal zu spüren bekam. Massenelend,
soziale Gegensätze, Umweltzerstörung und der Verfall traditioneller
Werte wurden deshalb hier als erstes zu zentralen Themen. Es ist kein Zufall,
dass ausgerechnet das hochmoderne Großbritannien, die Präraffaeliten
mit ihrer antimodernen Mittelalterbegeisterung hervorgebracht hat. Während
man auf dem Kontinent hauptsächlich nationale Größe in
der Vergangenheit suchte, wurde diese in Großbritannien zu einem
romantischen Ideal, einem Fluchtpunkt.
Sir John Everett Millais (1829-1896)
Lawrence Alma-Tadema (1836-1912)
John Collier (1850-1934)
Ernest Crofts (1847-1911)
Schweden
Schwedens große Zeit war relativ kurz: von seinem Unabhängigkeit
von Dänemark im 16. Jahrhundert bis zu seiner Großmachtspolitik
unter Gustav Adolf und Karl XII. Deshalb stehen dann auch die großen
Freiheitshelden Sten Sture und Gustav Wasa im Vordergrund, die kriegerischen
Könige, die Reformation und mit der Zeit auch zunehmend Themen aus
der germanischen Mythologie.
Carl Gustaf Hellqvist (1851-1890)
Spanien
Auch Spanien war eines der Länder, die ihre größte
Zeit hinter sich sahen. Deshalb wird immer wieder die erfolgreiche Vertreibung
der Mauren thematisiert, die Zeit der Katholischen Könige und nicht
zuletzt der erfolgreiche Widerstand gegen die napoleonische Besetzung.
José Casado del Alisal (1832-1886)
Antonio Gisbert Pérez (1835-1902)
Francisco Pradilla Ortiz (1848-1921)
Ungarn
Das einst mächtige Ungarn war bereits 1526 nach der Schlacht von
Mohács von den Türken erobert und später dann eine habsburgische
Provinz geworden. Wie in vielen Teilen Europas kam es deshalb auch
in Ungarn zu starken Bewegungen, die einen eigenen souveränen Nationalstaat
verlangten. Der anfangs recht erfolgreiche Aufstand unter Ludwig Kossuth
wurde dann aber von Österreich im Bündnis mir Russland 1849 niedergeschlagen.
Die ungarische Historienmalerei ist deshalb vorwiegend ein Spiegel
dieser aktuellen Ereignisse. Wenn Maler wie Bertalan Székely, Gyula
Benczúr u.a. auch immer wieder den heroischen Krieg gegen die Türken
thematisieren und die traumatische Niederlage von Mohács, so geht
es doch eigentlich um den gescheiterten Aufstand gegen Österreich.
Dies ändert sich erst nach dem "Ausgleich" von 1867 als Österreich
den Ungarn – nach der Niederlage gegen Preußen – weitgehende Autonomierechte
einräumt.
Bertalan Székely (1835-1910)
Sándor Liezen-Mayer (1839-1898)
Gyula Benczúr (1844-1920)
|